Anfang 1990 fielen wir wieder ins Mittelalter zurück – zumindest während des Geschichtsunterrichts. In der 10. Klasse der Polytechnischen Oberschule war vor der Wende die Zeit nach 1945 auf dem Lehrplan, die Deutsche Teilung, der kalte Krieg. Adenauer war der Bösewicht und die BRD das imperialistische Anhängsel der USA. Stalin hatte selbstredend keinen nennenswerten Anteil an der Teilung. Nun über Nacht die Geschichte neu zu betrachten und zu erklären, muss für Lehrer schwierig gewesen sein. Jedenfalls war es ungefährlicher, die Zeit des Hammurapi oder den Frondienst im Mittelalter zu besprechen.
Hier bedurfte es keiner politischen Neusortierung. Gleichwohl will ich hier eine Lanze für meinen Geschichts- und auch andere Lehrer brechen. Ich hatte das Glück, überwiegend von hervorragenden Pädagogen und Lehrern aus Leidenschaft unterrichtet zu werden. Nur beim Fach Staatsbürgerkunde war alles anders. Bis zuletzt tönten „antiimperialistische“ Tiraden von der Tafel. Nur war die Wirklichkeit eine andere. Keine ständigen sozialen Unruhen, keine heruntergekommenen Schulen mit unglücklichen Kindern, keine mit Obdachlosen gefüllten Straßen, aber Fabrikhallen, die sauberer aussahen als manches Geschäft der HO.
Wann und wie sich unser Schulalltag veränderte – kein Staatsbürgerkunde mehr, kein wöchentlicher Fahnenappell auf dem Schulhof – , vermag ich gar nicht mehr genau nachzuvollziehen. Eines jedoch ist mir sehr gut erinnerlich: unmittelbar nach dem Mauerfall wurde aus unserer Sechs-Tage-Unterrichtswoche eine Fünf-Tage-Woche, schleichend, inoffiziell. Spätestens seit dem zweiten Novemberwochenende ’89 waren die Menschen an den Wochenenden unterwegs in die alten Länder, um Verwandte zu besuchen, den anderen Teil Deutschlands kennenzulernen. Das Reisefieber erfasste selbstverständlich auch die Lehrer, weshalb sich unsere Schule nicht nur schüler- sondern auch lehrerseitig zusehends leerte. Keine Lehrer – kein Samstagsunterricht.
Auch unsere Familie hatte sich gleich am ersten Wochenende nach dem Mauerfall zu Verwandten im Westteil Berlins aufgemacht. Ja, auch das Begrüßungsgeld holte wir ab. Allerdings durfte ich dieses nicht umgehend in die Förderung der westdeutschen Bekleidungsindustrie investieren. Keine Stone-Washed-Jeans, keine Jacke – ich musste die einhundert D-Mark in einen innerfamiliären „Fördertopf“ umleiten. Der Förderzweck: ein Geschirrspüler für unsere Mutter! So fuhr die Familie an einem schönen Sonnabend in unserem Wartburg nach Berlin, kaufte und verstaute das gute Stück im engen Auto. Auf der Heimfahrt saßen mein Bruder und ich dann praktisch übereinander auf der Rückbank. Doch der Aufwand hat sich eindeutig gelohnt, denn der Geschirrspüler steht noch heute in der Küche meiner Eltern.
Im Laufe des Jahres 1990 erkundete unsere Familie auf kleinen Fahrten die Bundesrepublik – den Harz, Hamburg, Bayern. Im Winter ging es zum Skiurlaub in die österreichischen Alpen. Wobei ich feststellen musste, dass unsere guten alten Langlaufski der Marke „Germina“ nicht wirklich abfahrtstauglich waren. Auf einer Klassenfahrt verglichen wir mit Jugendlichen aus Hessen unsere Interessen und Lebensläufe. Es gab viele Gemeinsamkeiten, aber auch viele Unterschiede. Die Träume und Hoffnungen an das Leben war so verschieden nicht, bis hin zu musikalischen Vorlieben. So wie unsere Eltern in Fans der „Rolling Stones“ und der „Beatles“ unterschieden werden konnten, liebten wir entweder „Depeche Mode“ oder „a-ha“ – aber nicht beides. Auch Poster aus der Jugendzeitschriften waren en vogue. Auf dem Pausenhof wurden bereits lange vor der Wende Poster für zehn oder 20 Ost-Mark von Schülern gehandelt. Ich bin überzeugt, dass in den geschäftstüchtigen Posterhändlern von einst Unternehmertalente der Gegenwart schlummerten. Und eine weitere Leidenschaft teilte ich mit den gleichaltrigen Mädchen in der Bundesrepublik: Aerobic. Nur, dass das Bewegen nach Musik bei uns „Gymnastik mit Musik“ hieß.
Und doch waren Unterschiede zwischen jungen Menschen in Ost und West zu greifen. Sie waren gewohnt, frei zu sagen, was sie dachten. Sie äußerten Kritik und Erwartungen präziser und auch fordernder. Die einstudierte, verinnerlichte Zurückhaltung, nur nicht zu viel und schon gar nicht das politisch Falsche – ja für die Familie auch Gefährliche – zu sagen, saß bei mir tief. Denn ich habe erlebt, wie es Kindern beispielsweise von Pfarrersfamilien ergangen war. Als Mitglied der Jungen Gemeinde fühlte ich mich dort sicherer als in der Schule. Meinen Eltern war es sehr wichtig, uns in christlichem Glauben zu erziehen.
Als Jugendliche spürte ich zudem die wachsende Unzufriedenheit im Familienkreis. Der wirtschaftliche Verfall, der permanente Mangel waren allgegenwärtig. Die eigene Leistung zählte nicht. So sehr man sich auch anstrengte – die staatliche Nivellierung machte jede Eigenverantwortung, jede freiwillige Leistungssteigerung zum Frusterlebnis. Denn was man auch tat, so sehr man sich anstrengte, der Mangel wurde nicht weniger. Die Leistungsfeindlichkeit und die Gleichmacherei habe ich als erdrückend für meine Familie und Freunde erlebt. Die Folgen des permanenten Freiheitsentzuges waren ebenso schrecklich. Deshalb ist eine Motivation meines politischen Engagements, dass meine Kinder immer in Freiheit aufwachsen, leben und arbeiten können. Ich halte es für wichtig, die Erinnerung an die 2. Diktatur auf deutschem Boden wach zu halten.
Im 20. Jahr der Wiedervereinigung blicke ich dankbar zurück und mit Erwartung und Optimismus in die Zukunft. Unsere Kinder sollen lernen, warum es die DDR gab, was die DDR war und warum Deutschland wiedervereinigt ist. Sie wissen, was die Mauer war. Aber es fällt ihnen natürlich schwer zu erfassen, wie eine graue Mauer mit Stacheldraht und Minen die Stadt und das Land geteilt hat. Jedesmal, wenn wir über die Glienicker Brücke fahren, versuchen wir ihnen zu erklären, dass der Westteil Berlin einst so weit weg war wie ein ferner Planet. „Aber Mutti“, sagte unsere zehnjährige Tochter daraufhin ganz entgeistert, „da wärst du ja gar nicht in in den Bundestag reingekommen.“ Nein, wahrscheinlich nicht.