„Ich frage mich, was ich früher mit der Zeit gemacht habe“
Zwischen Fläschchen und Parlamentsantrag: Ohne Planung geht nichts, wenn man als Mutter auch Politikerin sein will. Mit den beiden Abgeordneten sprach Joachim Riecker.
MAZ: Frau Koch-Mehrin, Frau Reiche, war es Teil Ihrer Lebensplanung, Kinder und Karriere miteinander zu vereinbaren?
Katherina Reiche: Kinder und Beruf gehören für mich zusammen. Allerdings, nachdem ich im September 1998 zum ersten Mal in den Bundestag gewählt worden war, und im Dezember feststellte, dass ich schwanger bin, war ich zunächst für ein paar Tage sprachlos.
Silvana Koch-Mehrin: Ich habe mein erstes Kind vor dem Beginn meiner politischen Karriere bekommen. Aber zehn Tage nach der Geburt meiner ersten, jetzt fünf Jahre alten Tochter Mila, kam Guido Westerwelle zu mir nach Hause und fragte mich, ob ich Spitzenkandidatin für die Europawahl werden wollte. Eigentlich hatte ich so kurz nach der Entbindung ganz andere Dinge im Kopf. Aber nach kurzer Bedenkzeit habe ich Ja gesagt.
Wie haben Sie die ersten Monate organisiert?
Reiche: Alle meine drei Kinder habe ich im ersten Lebensjahr mit ins Büro genommen. Mit Stillen und Fläschchen und allem Drum und Dran. Meine Mitarbeiter und Kollegen haben mir in dieser Zeit sehr geholfen.
Koch-Mehrin: Ich habe das mit Mila auch so gemacht, mit Elena und Alessa aber nicht mehr. Während meiner Arbeit haben mein Mann, eine Kinderfrau oder Mitarbeiter dann die Betreuung übernommen.
Reiche: Ich kann gut arbeiten, wenn ein Säugling in der Nähe ist. Neudeutsch nennt man das ja Multitasking.
Koch-Mehrin: Das habe ich nicht so hinbekommen wie du. Ich habe festgestellt, dass ich ohne Baby im Büro in zwei Stunden das schaffe, wofür ich sonst fünf Stunden oder noch länger brauchen würde. So war ich schneller fertig und konnte ganz bei der Familie sein, ohne noch ständig an andere Dinge denken zu müssen.
Wie ging es weiter, als die Kinder älter waren?
Reiche: In Potsdam und jetzt in Luckenwalde gibt es zum Glück sehr gute Angebote für die Kinderbetreuung, sowohl Kitas als auch Tagesmütter. Darauf haben wir zurückgegriffen. Und zum Glück konnten und können Großeltern auch helfen. In den neuen Ländern ist auch die Akzeptanz von berufstätigen Müttern selbstverständlich.
Koch-Mehrin: Die Großeltern können uns im Alltag leider nur selten helfen, denn sie wohnen zu weit weg. Aber in Brüssel gibt es ebenfalls sehr gute Angebote zur Kinderbetreuung. Wie in Frankreich ist es auch in Belgien üblich, dass Kinder ab dem Alter von drei Monaten eine Betreuungseinrichtung besuchen. Wir haben noch etwas länger gewartet. Bei der Ältesten, bis sie fünf Monate alt war, und bei den beiden jüngeren, bis sie acht Monate alt waren. Es sind sehr schöne, familiäre Einrichtungen und man merkt ja auch schnell, ob sich ein Kind dort wohlfühlt.
Haben Sie als Mütter trotzdem manchmal ein schlechtes Gewissen?
Reiche: Natürlich. Ich glaube, dass ist auch ein ganz normaler Schutzmechanismus.
Koch-Mehrin: Das gilt aber auch für Mütter, die nicht berufstätig sind. Auch die fragen sich manchmal, ob sie genug für ihr Kind tun oder sich zu sehr mit sich selbst beschäftigen.
Reiche: Es gibt immer wieder Situationen, in denen ich bedauere, nicht bei meinen Kindern sein zu können. Etwa einen Chorauftritt, bei dem dann fast alle anderen Eltern da sind, nur ich nicht. Andererseits gehe ich meinem Beruf sehr gerne nach. Er gibt mir Kraft und Selbstvertrauen, was ich dann auch an meine Kinder weitergeben kann. Aber das muss jede Frau – und jeder Mann – für sich selbst entscheiden.
Koch-Mehrin: Machen Sie doch mal ein Interview mit zwei Politikern, die ebenfalls drei Kinder haben. Warum werden immer nur wir Frauen gefragt, ob wir das miteinander vereinbaren können?
Bei Politikern ist es halt oft doch noch die Ehefrau, die sich hauptsächlich um die Kinderbetreuung kümmert.
Reiche: Das stimmt wohl. Deshalb halte ich mir bewusst Zeit frei, um für meine Kinder da zu sein. Meine Kinder haben für mich immer Priorität, da müssen auch mal Termine weichen.
Koch-Mehrin: Das ist bei mir genau so. Ich bin allerdings häufig in Europa unterwegs, da sind die Entfernungen etwas größer. Zum Glück kann aber mein Mann viel zu Hause arbeiten, das wird von seiner Firma sehr unterstützt. Und schlimmstenfalls dauert es ein paar Stunden, bis ich wieder zurück in Brüssel bin.
Reiche: Auch an Wochenenden ist man als Politikerin gefordert. Da muss man sehr gut planen.
Koch-Mehrin: Ohne Planung geht sowieso gar nichts. Wenn ich mit meinem Mann mal ins Kino will, erfordert das einen Masterplan – und am Ende kommt es dann doch wieder anders. Aber ich möchte weder auf meine Kinder noch auf meine Karriere verzichten. Und ich bin auch bereit, dafür den Preis von weniger Freizeit zu zahlen.
Reiche: Man sollte nicht vergessen, dass man als Politikerin auch manche Freiheit hat. Viele berufstätige Frauen ziehen ihre Kinder unter viel schwierigeren Bedingungen groß. Dafür empfinde ich große Bewunderung. Denken Sie nur an Alleinerziehende. Hier braucht es mehr gesellschaftspolitische Verantwortung für die Kinder.
Koch-Mehrin: Das ist absolut richtig.
Wollen Sie Frauen ermutigen, Kinder und Karriere miteinander zu vereinbaren?
Koch-Mehrin: Ich will Frauen vor allem ermutigen, den Weg zu gehen, den sie selbst für den richtigen halten.
Reiche: Kinder sind eine großartige Bereicherung für das Leben. Nicht jede Frau kann oder will das mit einer Berufstätigkeit verbinden. Wenn man es will, sollte man es aber auf jeden Fall versuchen. Die meisten Frauen werden feststellen, dass sie über sich selbst hinauswachsen.
Koch-Mehrin: Ich frage mich auch immer wieder, was ich eigentlich früher mit der ganzen Zeit gemacht habe.
Hohe Ämter
Silvana-Koch Mehrin (38) ist seit 2004 Vorsitzende der FDP im Europaparlament und in diesem Jahr wieder Spitzenkandidatin ihrer Partei für die Europawahl am 7. Juni. Sie hat drei Töchter: Mila (5), Elena (3) und die einjährige Alessa. Mit ihrem Mann lebt sie in Brüssel.
Katherina Reiche (35) sitzt seit 1998 im Bundestag und wurde 2005 Vize-Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion. Sie hat ebenfalls drei Kinder: Maria (9), Elisabeth (6) und den zweijährigen Vincent. Zusammen mit ihrem Mann Sven Petke und den Großeltern lebt sie auf einem Vierseithof bei Luckenwalde.