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26.05.2008 | Interview mit stern.de

Biologische Vielfalt schützen

Rede im Plenum des Deutschen Bundestages am 08.05.2008

Weltnaturschutzgipfel 2008 in Bonn – Biologische Vielfalt schützen, nachhaltig und gerecht nutzen

Albert Einstein soll einst gesagt haben: „Wenn die Bienen einmal verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.“

In den vergangenen 50 Jahren haben wir unser Ökosystem schneller und weitreichender verändert als je zuvor in einem Zeitabschnitt der menschlichen Geschichte. Dies hat zu einem beträchtlichen und größtenteils irreversiblen Verlust für die Vielfalt des Lebens auf unserem Planten geführt, der unser aller Leben weltweit bereits beeinträchtigt oder noch beeinträchtigen wird.

Manch einer wird sagen: Gut, Ähnliches hat es in der Vergangenheit, beispielsweise beim Einschlag von Meteoriten und dem Dinosauriersterben, auch gegeben. Aber hier schlägt – bildlich gesprochen - seit fünfzig Jahren - weitgehend unbemerkt - permanent ein Meteorit ein. Als Folge hat sich das Artensterben, sehr konservativ gerechnet, um mindestens den Faktor Hundert gegenüber dem normalen Verlauf innerhalb der Evolution beschleunigt. Wer hier verharmlost, der betreibt Augenwischerei!

Meine Damen und Herren!
Gegenwärtig wird unser politisches Tagesgeschäft maßgeblich von dem Bemühen geprägt, den Klimawandel in erträglichen Bahnen zu halten. Ungebremster Klimawandel und Artenvielfalt sind zwei Gegenpole und die ökologische Uhr tickt hier besonders leise, aber beharrlich und schnell. Entschlossenes gemeinsames Handeln ist gefragt. Dass es sich dabei jedoch inzwischen um ein Thema mit großer Öffentlichkeitswirkung handelt, haben die Reaktionen auf den Film „Unsere Erde“ und andere Berichte und Bilder zum drohenden Aussterben der Arten, aber auch auf den Kongress der CDU/CSU Fraktion "Verantwortung übernehmen - Schöpfung bewahren“ gezeigt. Insbesondere dort, wo Artensterben und Klimawandel exemplarisch zusammenkommen, wie am Beispiel der Eisbären, spüren die Menschen, dass bedrohliche Veränderungen eingetreten sind.

Die Biodiversität ist die Grundlage unseres gewohnten Lebens auf dem Blauen Planeten und eine der wichtigsten Säulen für die nachhaltige Entwicklung. Der weltweite Reichtum an Lebensformen ist unsere eigentliche Lebensgrundlage. Ohne sie kein Trinkwasser, keine ausreichende Nahrungsmittelversorgung, keine Medizin und keine Kleidung sowie häufig kein festes Dach über dem Kopf.

Bei Naturkatastrophen sorgt die Artenvielfalt schließlich dafür, dass der Zyklus des Lebens nicht zum Erliegen kommt.

Und da ist noch eine weitere Dimension. Weltweit müssen wir leider wieder intensiv das Thema Armut und Hunger diskutieren. Gerade diejenigen, die pro Tag mit nur einigen Dollar oder sogar weniger auskommen müssen, sind besonders auf die Artenvielfalt angewiesen. Wenn diese durch Faktoren wie die Klimaerwärmung und Wasserverknappung beeinträchtigt wird, so hat dies katastrophale Folgen. Allein auf unserem Nachbarkontinent Afrika könnten im Jahr 2020 bis zu 250 Mio. Menschen betroffen sein. Welche Migrationsbewegungen dadurch in Richtung Europa in Bewegung kommen könnten, können wir uns in unseren kühnsten Träumen wohl nicht vorstellen. Wir brauchen daher eine präventive, weit vorausschauende Umweltdiplomatie und dies auch aus urverstandenem Eigeninteresse.

Dies bringt mich zur bevorstehenden CBD-Naturschutzkonferenz, die ab dem 19. Mai in der VN Stadt Bonn stattfinden wird. Sie wird maßgeblich von vier Fragen geprägt sein.

  • Wie können die biologischen Ressourcen stärker als bisher auch den Ländern zu gute kommen, aus denen sie stammen?
  • Wie kann mit innovativen Ansätzen erreicht werden, dass zum Schutz der Artenvielfalt mehr Geld zur Verfügung steht?
  • Wie können wir das von Deutschland mit initiierte, weltweite Netz von Schutzgebieten erweitern und gelingt es uns, auch Gebiete zum Schutz maritimer Lebensformen zu schaffen?
  • Und last but not least – die bisherigen Beschlüsse zum Schutz der Wälder haben sich als fruchtbar erwiesen. Sie müssen aber dringend erweitert werden, insbesondere auch mit Blick auf den Klimawandel. Gerade beim Thema Wald besitzen wir in Deutschland eine weltweit wohl einmalige Expertise, die wir in diesen Prozess mit einbringen können.


Wir alle wissen, wir müssen auf der 9. Vertragskonferenz der CBD-Konferenz in Bonn mehr erreichen als in den vergangenen 16 Jahren seit dem Erdgipfel in 1992 Rio, der maßgeblich von Helmut Kohl und Klaus Töpfer mitgeprägt war und der noch immer eine, wenn nicht die Tragsäule internationaler Umweltpolitik ist. Rio war der Meilenstein für die Integration von Umwelt- und Entwicklungsbestrebungen oder, um es noch besser auf den Punkt zu bringen, für einen ganzheitlichen Ansatz. Auf diesem Weg müssen wir jetzt weiter vorangehen.

Die Konferenz in Bonn ist die letzte Gelegenheit, den Beschluss der Staats- und Regierungschefs auf dem Weltgipfel von Johannisburg im Jahre 2002, nämlich den Verlust der biologischen Vielfalt entscheidend bis 2010 zu begrenzen, umzusetzen.

Haben wir in Bonn Erfolg, dann wird die Menschheit auch weiterhin unmittelbaren Nutzen aus einem großen natürlichen Genpool ziehen können. Hier sind Fortschritte möglich, die uns allen zugute kommen. Man denke nur an eine pazifische Alge, die für die Herstellung von Medikamenten gegen Krebs genutzt wird oder eine Fledermausart, deren Enzym es erlaubt, Schlag-anfallpatienten zu helfen.

Wer allerdings glaubt, sich den Genpool anderer Länder einfach aneignen, ihn dann patentieren und vermarkten zu können, ohne die Ursprungsländer angemessen zu beteiligen, der ist auf dem Holzweg. Was bei Rohstoffen gilt, nämlich angemessene Teilhabe, das muss auch für den Genpool Gültigkeit haben. Andernfalls werden die Ursprungländer geradezu in eine Blockadehaltung hineingedrängt.

Dieser weltweit vorhandene Genpool ist auch unsere Rückversicherung gegen das, was in Zukunft auf uns zu kommen könnte. Die weltweite Biodiversität macht für uns alle Sinn, egal, ob wir Befürworter oder Gegner der Gentechnik sind. Artenvielfalt ist ein strategisches Gut! Bundeskanzlerin Angela Merkel hat beim Kongress der CDU/CSU auf das Beispiel Reis verwiesen. Es ist gelungen, Reis gegen einen gefährlichen Schädling, der praktisch die gesamte Welternte bedrohte, resistent zu machen. Dies war aber nur deshalb möglich, weil wir über zehntausende weitgehend ungenutzte Sorten verfügten, von denen eine die entsprechenden Gene besaß. Diese natürliche gewaltige Datenbank zu erhalten, gebietet schon allein die ökonomische Vernunft.

Meine Damen und Herren
Rund ein Fünftel der globalen Treibausgasemissionen ist auf die Waldzerstörung zurückzuführen. Wenn uns beim Thema Waldschutz kein entscheidender Fortschritt gelingt, dann wird unser Blauer Planet wesentliche Teile seiner Lunge einbüßen, mit der Folge, dass in so mancher Weltregion auch der Beitrag, den die Spezies Mensch zur biologischen Vielfalt beitragen kann, gefährdet sein wird.

Besondere Priorität geniesst der Schutz der Urwälder, um ein Maximum an Arten- und Klimaschutz zugleich realisieren zu können. Der Walderhalt muss durch einen Verbund von Schutzgebieten verbessert werden.

Deutschland hat mit seiner glaubwürdigen Umwelt- und insbesondere Klimaschutzpolitik weltweit großes Vertrauen aufgebaut. Dieses internationale Vertrauenskapital können wir nun investieren, um den Schutz der weltweiten Artenvielfalt zu verbessern. Zwar haben wir mit ca. 4% nur einen geringen Anteil an der weltweiten Artenvielfalt, und auch bei uns steht nicht alles zum Besten. 36% der Tier- und 27% der Farn- und Blütenpflanzen gelten als gefährdet. Aber wir sind nicht untätig gewesen. Mit unserer Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt, die im November 2007 vom Bundeskabinett beschlos-sen wurde, haben wir ein Zeichen gesetzt, über 300 Ziele benannt und über 400 Maßnahmen beschlossen.

Die eigentlichen Biodiversität-Brennpunkte mit rund 80% aller Tier- und Pflanzenarten der Erde befinden sich aber in den Schwellen- und Entwicklungsländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens. Wir müssen diese Staaten beim nachhaltigen und verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur unterstützen, damit die Zentren der biologischen Vielfalt nicht unwiederbringlich verschwinden.

Folgende Schritte sind dabei besonders wichtig:

  • Wald- und Biodiversitätsschutz müssen noch stärker durch die klassischen Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit flankiert werden.
  • Klima- und Biodiversitätsschutz müssen besser verzahnt werden, um die effizientesten Maßnahmen für beide Bereiche zu identifizieren und dann umzusetzen.
  • Eine konzertierte Initiative der Industriestaaten ist nötig, um die überfällige Umsetzung der CBD-Beschlüsse im Bereich Wald und Schutzgebiete sicherzustellen.
  • Der EU Emissionshandel ab 2013 sollte für umwelt- und sozialverträgliche Forst-CDM Zertifikate sowie für mögliche Zertifikate aus vermiedener Entwaldung geöffnet werden, um Möglichkeiten der Marktentwicklung für Naturschutzfinanzierungen zu fördern. Anteile aus den Erlösen des Emissionshandels sollten wir nutzen, um unser Klima und die Artenvielfalt zu schützen.
  • Finanzielle Mittel müssen effizient eingesetzt, Parallelstrukturen unterbunden werden. Staatliche Mittel sollten intelligent in Partnerschaften mit der Wirtschaft und dem privaten Naturschutz zum Schutz der Biodiversität investiert werden.
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