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Familie 

- Presseberichte: Familie -

Der Staat darf Familien nicht reinreden

Interview mit der Lausitzer Rundschau, 01.03.2007

Frau Reiche, Sie sind verheiratet, haben drei kleine Kinder. Sie und
auch Ihr Mann Sven Petke sind Berufspolitiker. Wie managen Sie beide die
Pflichten in Familie und Politik?
Durch einen funktionierenden Familienverbund. Wir teilen uns als
Ehepaar die Aufgaben und haben zudem
das Glück, sehr liebevolle Großeltern zu haben. Darüber hinaus nutzen
wir natürlich das, was in Brandenburg an Infrastruktur
vorhanden ist - Tagesmutter, Kindergärten und Hortbetreuung in der
Schule. Und damit lassen sich dann - unabhängig von den kleinen
Alltagsschwierigkeiten - Familie und Beruf miteinander verbinden.

Wie läuft das in Ihrer Familie praktisch ab?
Wir haben am Tag einen Fixpunkt - das ist das Frühstück. Wir sitzen
alle gemeinsam am Tisch, sprechen miteinander und haben füreinander
Zeit. Durch unseren Beruf sind wir terminlich sehr eingespannt, aber durch gute Organisation und externe Hilfe ist viel zu schaffen.

Entspricht Ihr jetziges Leben ihren Vorstellungen von Familie und Beruf
oder müssen Sie Kompromisse machen, die Sie eigentlich ablehnen?
Jede Familie lebt ihr eigenes
Lebensmodell. Und egal, wie man es organisiert, Kompromisse gehören dazu. Improvisieren auch. Der Staat darf den Familien nicht
reinreden. Es ist aber wichtig, dass die Politik einen Rahmen für echte Wahlfreiheit schafft. Aber in der Realität ist es mit der Wahlfreiheit nicht weit her.

Was gehört da für Sie unbedingt dazu?
Zum einen brauchen Familien finanzielle Sicherheit. Da hat die
Bundesregierung das Elterngeld eingeführt und
2003 die Möglichkeit geschaffen, Kinderbetreuung und haushaltsnahe Dienstleistungen
teils steuerlich absetzen zu können.
Dennoch ist Kindrreichtum immer noch ein Armutsrisiko..
Die Wahlfreiheit, zu Hause bleiben und sich der Erziehung der Kinder widmen zu können, haben nicht mehr viele Menschen.

Zum anderen
brauchen Familien eine entsprechende Infrastruktur. In Ostdeutschland
haben wir ausreichend Krippen-, Kita- und Ganztagsschul-Plätze, über
Vielfalt und Qualität muss sicher noch geredet werden. In
Westdeutschland besteht aber de facto keine Wahlfreiheit. Wenn es nicht
ausreichend Betreuungsplätze gibt, ist ein Partner gezwungen,
zu Hause zu bleiben.
Zudem gibt es in Deutschland immer mehr Scheidungen und immer mehr Alleinerziehende. Wenn diese nicht von staatlicher Hilfe abhängig sein,
sondern die Möglichkeit haben sollen, selbst für ihren Lebensunterhalt
zu sorgen, brauchen wir Betreuungsplätze - und daran besteht im Westen
Nachholbedarf.

Kritiker der Bundesfamilienministerin sagen, Kinderbetreuung ist
Ländersache. Wie weit betrifft das auch die Kosten?
Soll ein Projekt oder eine Idee beerdigt werden, erklärt man sie für
nicht bezahlbar. Sicherlich ist die Finanzierung von 750 000 Plätzen bis
2012 ein Kraftakt. Aber das sollten uns unsere Kinder wert sein. Ich
glaube, dass der einzige Weg, die Institution Familie zu erhalten, ist,
Möglichkeiten für die Vereinbarung von Familie und Beruf für Frauen und
für Männer zu schaffen, echte Wahlfreiheit zu schaffen. Und dafür braucht es Geld und Infrastruktur.

Was würden Sie inhaltlich anders machen als die Ministerin?
Ich unterstütze die Ministerin auf ganzer Linie. Ich habe mit ihr in der Familienkommission
zusammengearbeitet. Dort haben wir unter anderem auch das jetzt
vorgeschlagene beitragsfreie Vorschuljahr diskutiert. Das und andere
Projekte vertreten wir gemeinsam.

Brauchte es für die jetzige Debatte solch' eine Ministerin - selbst
mehrfache Mutter, berufstätig, 15 Jahre jünger als ihre Vorgängerin im
Amt und mit entsprechenden Erfahrungen?
Ursula von der Leyen setzt sich mit viel Mut, Engagement und Streitlust für Familien ein. Mit ihr haben wir eine
Ministerin, die die Suche nach modernen Antworten verbindet mit einem
durchaus konservativen Familienbild. Für sie ist die Familie eine
Verantwortungsgemeinschaft über Generationen hinweg. Sie lässt dieses Ideal
aber in praktische Politik münden.

Ticken in der Debatte über Kinder und Familie Ost- und Westdeutsche
anders? Gibt es zudem Unterschiede zwischen protestantisch und
katholisch geprägten Regionen?
Ich kann da keine grundsätzlichen Unterschiede sehen. Aber
Familienpolitik ist die Politik, die am stärksten die Privatsphäre von
Menschen berührt. Jeder hat eine Familie. Das ist ein Feld, in dem jeder einen Beitrag leisten kann. Deshalb werden familienpolitische Vorschläge immer sehr persönlich
genommen. Wer läßt schon gern seinen Lebensentwurf von dritten in Frage stellen. Aber wir reden endlich über die Bedürfnisse von Familien. Familie und Kinder brauchen eine starke Lobby.

Sachsens Kultusminister Steffen Flath warnte vor zu viel Staat in der
Kinderbetreuung.  Haben Sie auch damit Probleme?
Ich möchte auch nicht, dass mich der Staat zu einem Lebensmuster zwingt. Darum geht es ja auch nicht. Unsere Familienpolitik soll Hilfe für Familien sein, ihr Leben besser meistern zu können.  Zudem können es sich junge Frauen
häufig gar nicht leisten, für viele Jahre aus dem Beruf auszusteigen,
weil ihre Chance auf Rückkehr immer geringer wird. In vielen Familien
reicht auch ein Einkommen gar nicht mehr aus. Und darum ist es wichtig,
dass der Staat entsprechende Voraussetzungen schafft, egal, ob das Tagesmütter, Krabbelgruppen oder Ganztagsschulplätze sind.
Manche
Ostdeutsche werden wundern sich gerade und sagen mir, das hatten wir doch alles
schon mal. Denn die Kita als Bildungseinrichtung ist in den neuen Ländern
nicht unbekannt.  Das erfordert dann allerdings auch eine veränderte
Ausbildung der Erzieher.

Für ostdeutsche Kindergärten wird also das Rad neu erfunden?
Nein, das nicht. Eine "Früher-war-alles-besser- Haltung" teile ich nicht. Vielen Elementen, die die
Kindergärten in der DDR prägten, trauert keiner nach. In der DDR war alles auf Gleichmachen ausgerichtet, heute ist pädagogische Vielfalt gefragt.  Die systematische frühpädagogische Förderung muss in Deutschland entwickelt werden. Die Zeiten haben sich auch geändert. Nur ein Beispiel:
Früher war es unnötig, sich mit Medienpädagogik zu befassen.
Heute ist das ein wichtiges Thema.

Mit Katherina Reiche
sprach Andreas Blaser