- Presseberichte: Familie -
First Ladies ohne Kinder
Berlin - Das Kanzleramt ist kinderlos: Regierungschefin Angela Merkel (51, verheiratet) und ihre beiden Staatsministerinnen Hildegard Müller (38, ledig) und Maria Böhmer (55, ledig) sprechen zwar fast täglich über moderne Familienpolitik, haben selbst aber keine Kinder. Die "First Ladies" befinden sich in bester Gesellschaft: Auch im Mediengeschäft haben sich viele prominente Frauen bewusst gegen Kinder entschieden, etwa die Moderatorinnen Sabine Christiansen (48) und Maybrit Illner (41). Die ARD-Journalistin Monica Lierhaus (35) ist überzeugt: "Man kann nicht eine gute Mutter sein und seinen Job richtig gut machen."
Eine These, die heftigen Widerspruch provoziert. "Ich würde mir wünschen, dass wir Familie nicht immer nur als Problemfall betrachten", sagt die CDU-Politikerin Katherina Reiche. Die 32-jährige Bundestagsabgeordnete ist stellvertretende Fraktionschefin - und Mutter von zwei Mädchen (3 und 6 Jahre). Im Sommer bringt Reiche ihr drittes Kind zur Welt.
In der Diskussion über Kinderlosigkeit und Mütterfeindlichkeit rät Reiche zu mehr Gelassenheit. "Es gibt Ressentiments und auch böswillige Nachfragen. Aber davon habe ich mich nicht abschrecken lassen", sagt Reiche, die ihre jüngste Tochter Elisabeth anfangs jeden Tag mit ins Büro genommen hat. Die Abgeordnete kritisiert, dass die Debatte in Deutschland zu sehr auf Faktoren wie Stress oder Kosten reduziert werde. "Wir sollten mehr über Vorbilder sprechen. Je mehr Frauen es gibt, die es sich zugetraut und das selbst durchgekämpft haben, desto mehr Frauen werden sich ebenfalls für Kinder entscheiden. Man sollte den Frauen aber auch sagen, dass Erfolg im Beruf kein Fahrstuhl ist, sondern eine Treppe, auf der man jede einzelne Stufe nehmen muss."
Silvana Koch-Mehrin hat Erfahrung im Treppensteigen. Die 35-jährige FDP-Politikerin, Mutter von zwei Kindern, ärgert sich ebenfalls über die öffentliche Debatte. Erstens werde nur über die Probleme der Frauen gesprochen: "Dabei haben junge Männer, die ihre Verantwortung als Väter aktiv wahrnehmen müssen, mit doppelt so vielen Vorurteilen zu kämpfen wie Mütter."
Zweitens würden Kinder und Karriere in Deutschland noch immer als Gegensätze dargestellt, kritisiert die Europapolitikerin. "Das ist ein wirklicher Rückschritt. Wir waren schon mal weiter." Es gebe "genügend Länder, die vormachen, wie Eltern mit Kindern ihre Lebensziele verwirklichen können". Deutschland gehöre nicht dazu, auch wenn der Bundestag die steuerliche Anerkennung von Kinderbetreuungskosten verbessert habe.
"Wenn es allein um die finanzielle Förderung ginge, müssten wir längst einen Baby-Boom haben", sagt Koch-Mehrin. Deutschland zahlt EU-weit das zweithöchste Kindergeld, hat aber weltweit fast die niedrigste Geburtenrate. Reiche und Koch-Mehrin sind sich einig: Es fehlt vor allem an Betreuungsplätzen. Silvana Koch-Mehrin hat Glück - sie lebt derzeit in Brüssel. Dort kann Tochter Mila (1) eine Kinderkrippe besuchen und Elena (3) die Vorschule.
HOLGER EICHELE
Oberbayerisches Volksblatt, 17.03.2006